Schafzucht in Groß-Sander

Schafzucht in Großsander

Bernhard-Friedrich GarrelsBernhard-Friedrich Garrels, der letzte Schäfer in Uplengen, gestorben 1957. Hier betreut er seine Herde, bestehend aus rd. 600 Schafen.

Schulaufsatz von Berta Caspers von ca. 1970

Unser Hausschaf gehört zu den ältesten Haustieren. In seiner Nutzung ist es eines der vielseitigsten und damit zugleich wertvollsten Haustiere. Es liefert uns Wolle, Fleisch, Fett, Milch, Felle und Pelze. Der Schafdünger wird von allen Stalldungarten vom Landwirt am höchsten geschätzt, weil er der gehaltreichste ist.

So wurde bis in das 20. Jahrhundert hinein auch in Ostfriesland vielerorts Schafzucht betrieben. In Großsander war es der Schäfer Folle Tammen, der im 19. Jahrhundert diese Arbeit verrichtete. Zu Anfang hatte er eine Herde von etwa 400 Tieren. Es waren fast alles Heidschnucken. Diese können sich von der kümmerlichen Nahrung wie Heide oder wilden Gräsern ernähren. Das war sehr günstig, denn zu der Zeit gab es in und um Großsander noch viel unkultiviertes Land. Die Weideflächen boten Moor und Heide. Die Flächen waren groß und es gab noch keine Zäune, die das Weiden hätten behindern können.

So wanderte der Schäfer mit seiner Herde und seinem Hund, der sein bester Freund und ständiger Begleiter war, bis zu 10 Kilometer an einem Tag. Die Schafe fraßen, während sie vorwärts gingen und machten nur selten Rast. Die Strecke verlief in Richtung Süden bis nach Südgeorgsfehn und nach Norden bis zum Lengener Meer. Der Rückweg war nicht genau der gleiche, denn die Schafe suchten auch auf dem Heimweg ihr Futter. Der Schäfer hatte seine Mahlzeit mit und bestand meistens aus Pfannkuchen. Zum nützlichen Zeitvertreib hatte er sein Strickzeug dabei. So lief er hinter der Herde her, beobachtete diese und strickte. Ein Schäfer strickte alles brauchbare, vornehmlich Strümpfe, Unterjacken und Unterhosen.

Gegen 19.00 Uhr war er wieder zu Hause und die Schafe wurden in den Stall getrieben. Die Tage verliefen meist ohne Zwischenfälle. Die Monate Dezember, Januar und Februar brachten meist auch keine besondere Arbeit.

Im Jahre 1900 fand sich ein Helfer und späterer Nachfolger für den Schäfer Folle Tammen: der damals 12-jährige Bernhard Garrels versprach ein guter Hirte zu werden. Er fing als Schuljunge bei dem Landwirt Wallrich Tammen unter der Obhut des alten Oltmann Bruns an die große Heidschnuckenherde zu hüten. Der alte Schäfer gab ihm alles das mit auf den Weg, was ein guter Hirte wissen muss. Als "erstes Gebot" galt für einen rechten Schäfer: "Ein guter Hirte lässt sein Leben für seine Schafe". In den Jahren seiner Kindheit hatte Bernhard mehr gelernt, als in den Schulbüchern zu finden war. Er kannte die Natur aus erster Hand, kannte jedes Stück der großen Herde. Er wusste, ob ein Schaf krank war, wie alt es war, ob es ein Lamm bekam und er lernte es, die besten Böcke für die Zucht auszusuchen. So fand Bernhard bei Wallrich Tammen sein Lebenswerk.

Die Schafe wurden bei jedem Wetter ausgetrieben. Im Winter scharrten sie ihr Futter frei. Außerdem fraßen sie Sträucher und Ginster. Ein strenger Winter war für den Schäfer die schlimmste Zeit, wie im Jahre 1888 etwa, als der Winter sehr hart war und die Tiere deshalb zugefüttert werden mussten. Aber einen solchen Winter hat es seitdem nicht wieder gegeben. Bei einem bösen Schneetreiben wollten die verängstigten Tiere nicht vorwärts und rückwärts. Immer dichter schoben sie sich zusammen, die Köpfe gesenkt um ihre Leiber zu schützen und zu wärmen. Aber es war unmöglich, bei dem eisigen Wind mit den Schafen auf dem Moor zu übernachten. In der Not nahm Schäfer Bernhard seinen treuen Hund auf die Arme, lief über den Rücken der Tiere bis zur Mitte des zusammengedrängten Haufens, ließ den Hund los und schlug mit dem Hirtenstock zwischen die Heidschnucken. So gelang es ihm, Bewegung in die Herde zu bringen.

Ein weiterer Feind war im Winter der Nebel. Manchmal überraschte er den Schäfer und seine Herde auf dem Moor. Für den Schäfer war es unmöglich, den Heimweg zu finden. Aber die Herde fand den Weg. Ein einzelnes, abgeirrtes Schaf wäre jedoch auch verloren gewesen. Ging ein Schaf verloren, ohne dass es der Schäfer bemerkte, so meldete es ihm der Hund. Schäfer Bernhard sagte einmal (auf Plattdeutsch natürlich): "So ein Hund ist mehr Wert als ein Pferd. Stirbt das Pferd, kann ich ein neues kaufen. Aber ein guter Schäferhund ist für Geld nicht zu haben.

Im März fing für Bernhard die Arbeit an, denn im März kam die Lämmerzeit. "Das ist eine Freude, wenn das erste Lamm geboren wird. Es darf nicht sterben, denn auf ihm liegt nach altem Schäferglauben das Glück der ganzen Herde." sagte Bernhard mal. Die Lämmerzeit in den Monaten März und April war die schwerste Zeit im Laufe des Jahres. Das Moor taute auf, war nass und sumpfig und das Futter war knapp. Und doch mussten die Schnuckenmütter es gut haben, um die Lämmer nähren zu können. Gebar eine Schnuckenmutter Zwillinge, musste ein Lamm getötet werden, denn das Muttertier hätte zu sehr gelitten. Zum Glück war das eine Seltenheit.

Die Lämmer wurden meistens am Tage während der Austreibung geboren. Da die Kleinen aber noch zu schwach waren, um den weiten Weg mitmarschieren zu können, war es die Arbeit des Schäfers, die Lämmer zu tragen. Er band sich ein Tau um die Hüften unter seinen Mantel und verstaute die Lämmer dahinter. Es kam vor, dass er bis zu 6 Lämmer unter seinem Mantel trug. Die Mütter liefen immerfort blökend neben ihm her.

Kamen die Tiere abends beim Stall an, gab es ein Gerenne und Geblöke, so dass der Schäfer und sein Hund es schwer hatten, die Gewalt über die Tiere nicht zu verlieren. Die Mütter suchten ihre Kinder und die Kinder ihre Mütter. Es war erstaunlich, wie schnell es dann wieder still war, wenn alle die Ihren gefunden hatten. Der Schäfer überschaute die Herde noch ein Mal und verließ dann beruhigt den Stall.

Am nächsten Morgen begann die Arbeit von neuem. Zuerst schaute er nach, ob noch Lämmer geboren waren. Dann wurden die großen Schafe hinausgetrieben, aber die kleinen mussten im Stall bleiben. Beim Abschiednehmen gab es dann wieder ein furchtbares Gebrüll.

Wenn die Lämmer dann etwas älter waren, wurden Sträucher in den Stall gesteckt, damit sie sich satt fressen konnten. Lämmer im Alter von 5-6 Wochen konnten mit hinaus getrieben werden, aber die Weidestrecke wurde gekürzt. Im Mai waren alle Wintersorgen vergessen. An Futter war kein Mangel. Dann kam der Monat Juni und mit ihm wieder eine neue Arbeit: die Schurzeit. Am Vortag wurden die Schafe zur "Ehe" getrieben. Dort schwammen die Tiere zwei Mal etwa 15 Meter hin und zurück. Dann war der Pelz vom groben Schmutz befreit.

Am anderen Morgen begann man in aller Frühe mit der Schafschur. Je nach Größe der Herde richtete sich die Zahl der Männer, die bei dieser Arbeit beschäftigt waren. Fünf oder sechs Männer aus Schwerinsdorf, die ihr Werk verstanden, halfen beim Scheren. Die Schafe wurden gespannt, mit dem Rücken auf die Bank gelegt und dann begann der Scherer die nicht leichte Arbeit zu verrichten.

Ein tüchtiger Scherer konnte an einem Tag bis zu 60 Heidschnucken scheren. Dies war auch ein großer Tag für die Kinder. Sie wälzten sich und tobten in der Wolle. Aber nicht nur die Jugend hatte an diesem Tag Grund zur Freude, sondern auch die ältere Generation. Es gab ein Festessen, wie man es sonst im ganzen Jahr nicht bekam. Morgens gab es "Pankooken" und mittags Hammelbraten. Um 17.00 Uhr war man meistens mit der anstrengenden Arbeit fertig.

Die Wolle – ein Schaf lieferte im Durchschnitt 3 Pfund – wurde in riesige Säcke gefüllt und dann an einen Händler verkauft. Für ein Pfund Wolle bekam man etwa 30 Pfennige. Im Sommer war die Wolle gut. Im September wurden die Schafe ein zweites Mal geschoren. Diese Wolle war kürzer und auch die Menge war geringer als im Juni. Die Schafschur war immer eine gute Zeit des Jahres. In dieser Zeit wurde das meiste Geld eingenommen.

Aber der Sommer hatte auch seine gefährlichen Seiten. Eine Gefahr war der Kreuzotter. Manchmal bemerkte der Hirte gar nicht, wenn ein Tier von einem Otter gebissen worden war. Dann war es am nächsten Tag tot. Aber nicht nur den Tieren, sondern auch dem Schäfer drohte diese Gefahr.

So wurde auch Bernhard von einem Kreuzotter ins Bein gebissen. Er schnitt mit einem Taschenmesser die Wunde auf, damit das Blut floss. Ein Schäfer musste sein eigener Arzt sein. Auch bei Seuchen wurde kein Tierarzt zur Hilfe gerufen. Ein Mal in den 30 Jahren seines Hirtenlebens erkrankte ihm die ganze Herde an der Räude. Alle Tiere mussten zwei Mal in Schwefelwasser gebadet werden, eine furchtbare Arbeit. Eine weitere Gefahr drohte durch die Lungenkrankheit, die meistens tödlich verlief.

Eine weitere Gefahr war das Gewitter. Auch hiermit hatte Bernhard ein Erlebnis. Als er ein Mal etwa 20 Meter hinter seiner Herde herstapfte, schlug mitten zwischen die schwer verängstigten Tiere ein Blitz ein, so dass die Tiere auseinander liefen. Es gehörte viel Geduld dazu, die Herde wieder zusammen zu kriegen. Auch bei Donnerschlag lief die Herde auseinander. Da hatte dann auch sein Hund angst und kroch bei seinem Herrn unter den Mantel. Nun stand der Hirte allein auf dem weiten Moor. Oft faltete er seine Hände und bat zu Gott um Hilfe.

Es konnte passieren, dass er abends voller Sorgen ohne die vollständige Herde nach Hause gehen musste. Wenn er am nächsten Morgen wieder zum Stall kam, standen fast immer die am Abend vorher verloren gegangenen Schafe vor der Stalltür. Dann waren die Sorgen wieder vergessen. Aber es hatte nicht immer ein so gutes Ende. Verschiedentlich fand er am nächsten Tag einige tote Tiere, die im Graben ertrunken oder von einem Blitz getroffen worden waren.

Im Oktober wurden die Schafe verkauft. Die Schafhändler kamen vom Münsterland nach Ostfriesland. In Ostfriesland waren 7 Stellen, wo sie Schafe kauften. Sie fingen in Aurich an und Großsander war die letzte Station. Solch eine Tour dauerte meistens 14 Tage. Nachdem die Händler alle Schafe aufgekauft hatten, trieben sie sie in einer großen Herde zum Münsterland. Manchmal bestellten sie den Schäfer mit seinen Schafen an einen Ort, um dort den Verkauf vorzunehmen. Dann ging Schäfer Bernhard mit seinen 300 – 500 Schafen über Hollen nach Stickhausen oder Potshausen. Der Verkauf fand auf den Brücken der genannten Orte statt, denn dort ließen sich die Tiere am besten zählen. Sie kosteten damals 8 – 10 DM je Schaf. Ihr Gewicht betrug 40 – 50 Pfund.

Im Herbst ging es dann ans Düngerfahren. Die Schafkaten waren nur mit Sand ausgestreut und so konnte man den Dünger mit dem Spaten ausstechen. Diese Arbeit wurde zwei Mal im Jahr verrichtet.

Im 1. Weltkrieg musste Bernhard Soldat werden. Nun war es auch mit der Schafzucht aus. Aber als 1918 der Krieg endete, fing er noch ein Mal wieder an. Sein Herz hing an den Schnucken. Ohne sie konnte er nicht leben. Tag für Tag zog er mit ihnen hinaus auf das wilde Moor, das bedeutend kleiner geworden war. Das unabsehbare Südgeorgsfehner Hochmoor wurde in den 30er Jahren vom Landkreis Leer zum größten Teil kultiviert und aufgeteilt. Das Rad der Zeit war nicht aufzuhalten, seine Zeit und die seiner Schafe war abgelaufen. Bernhard war der einzige Schäfer in Ostfriesland, der einen Meisterbrief als Scheepker erhalten hat. 1950 konnte er sein fünfzigstes Scheepker-Jubiläum feiern. Doch Bernhard wurde älter und am 15. April 1957 hat ihn der Herr über Leben und Tod aus der Zeitlichkeit in die Ewigkeit abgerufen. Er war ein guter Schäfer gewesen. Sogar das "Erste Gebot" hatte er erfüllt: Gegen Ende des 2. Weltkrieges weidete er seine Schafe auf dem Moor. Die Panzer- und Gewehrkugeln schossen über ihn und seine Herde hinweg. Aber ihn störte das nicht.

Moorschnucken


Efeu