Schafzucht in Großsander
(Schulaufsatz von Berta Caspers von ca. 1970)

Unser Hausschaf gehört zu den ältesten Haustieren. In seiner Nutzung
ist es eines der vielseitigsten und damit zugleich wertvollsten Haustiere. Es liefert uns
Wolle, Fleisch, Fett, Milch, Felle und Pelze. Der Schafdünger wird von allen
Stalldungarten vom Landwirt am höchsten geschätzt, weil er der gehaltreichste ist.
So wurde bis in das 20. Jahrhundert hinein auch in Ostfriesland
vielerorts Schafzucht betrieben. In Großsander war es der Schäfer Folle Tammen, der im
19. Jahrhundert diese Arbeit verrichtete. Zu Anfang hatte er eine Herde von etwa 400
Tieren. Es waren fast alles Heidschnucken. Diese können sich von der kümmerlichen
Nahrung wie Heide oder wilden Gräsern ernähren. Das war sehr günstig, denn zu der Zeit
gab es in und um Großsander noch viel unkultiviertes Land. Die Weideflächen boten Moor
und Heide. Die Flächen waren groß und es gab noch keine Zäune, die das Weiden hätten
behindern können.
So wanderte der Schäfer mit seiner Herde und seinem Hund, der sein
bester Freund und ständiger Begleiter war, bis zu 10 Kilometer an einem Tag. Die Schafe
fraßen, während sie vorwärts gingen und machten nur selten Rast. Die Strecke verlief in
Richtung Süden bis nach Südgeorgsfehn und nach Norden bis zum Lengener Meer. Der
Rückweg war nicht genau der gleiche, denn die Schafe suchten auch auf dem Heimweg ihr
Futter. Der Schäfer hatte seine Mahlzeit mit und bestand meistens aus Pfannkuchen. Zum
nützlichen Zeitvertreib hatte er sein Strickzeug dabei. So lief er hinter der Herde her,
beobachtete diese und strickte. Ein Schäfer strickte alles brauchbare, vornehmlich
Strümpfe, Unterjacken und Unterhosen.
Gegen 19.00 Uhr war er wieder zu Hause und die Schafe wurden in den
Stall getrieben. Die Tage verliefen meist ohne Zwischenfälle. Die Monate Dezember, Januar
und Februar brachten meist auch keine besondere Arbeit.
Im Jahre 1900 fand sich ein Helfer und späterer Nachfolger für den
Schäfer Folle Tammen: der damals 12-jährige Bernhard Garrels versprach ein guter Hirte
zu werden. Er fing als Schuljunge bei dem Landwirt Wallrich Tammen unter der Obhut des
alten Oltmann Bruns an die große Heidschnuckenherde zu hüten. Der alte Schäfer gab ihm
alles das mit auf den Weg, was ein guter Hirte wissen muss. Als "erstes Gebot"
galt für einen rechten Schäfer: "Ein guter Hirte lässt sein Leben für seine
Schafe". In den Jahren seiner Kindheit hatte Bernhard mehr gelernt, als in den
Schulbüchern zu finden war. Er kannte die Natur aus erster Hand, kannte jedes Stück der
großen Herde. Er wusste, ob ein Schaf krank war, wie alt es war, ob es ein Lamm bekam und
er lernte es, die besten Böcke für die Zucht auszusuchen. So fand Bernhard bei Wallrich
Tammen sein Lebenswerk.
Die Schafe wurden bei jedem Wetter ausgetrieben. Im Winter scharrten sie
ihr Futter frei. Außerdem fraßen sie Sträucher und Ginster. Ein strenger Winter war
für den Schäfer die schlimmste Zeit, wie im Jahre 1888 etwa, als der Winter sehr hart
war und die Tiere deshalb zugefüttert werden mussten. Aber einen solchen Winter hat es
seitdem nicht wieder gegeben. Bei einem bösen Schneetreiben wollten die verängstigten
Tiere nicht vorwärts und rückwärts. Immer dichter schoben sie sich zusammen, die Köpfe
gesenkt um ihre Leiber zu schützen und zu wärmen. Aber es war unmöglich, bei dem
eisigen Wind mit den Schafen auf dem Moor zu übernachten. In der Not nahm Schäfer
Bernhard seinen treuen Hund auf die Arme, lief über den Rücken der Tiere bis zur Mitte
des zusammengedrängten Haufens, ließ den Hund los und schlug mit dem Hirtenstock
zwischen die Heidschnucken. So gelang es ihm, Bewegung in die Herde zu bringen.
Ein weiterer Feind war im Winter der Nebel. Manchmal überraschte er den
Schäfer und seine Herde auf dem Moor. Für den Schäfer war es unmöglich, den Heimweg zu
finden. Aber die Herde fand den Weg. Ein einzelnes, abgeirrtes Schaf wäre jedoch auch
verloren gewesen. Ging ein Schaf verloren, ohne dass es der Schäfer bemerkte, so meldete
es ihm der Hund. Schäfer Bernhard sagte einmal (auf Plattdeutsch natürlich): "So
ein Hund ist mehr Wert als ein Pferd. Stirbt das Pferd, kann ich ein neues kaufen. Aber
ein guter Schäferhund ist für Geld nicht zu haben.
Im März fing für Bernhard die Arbeit an, denn im März kam die
Lämmerzeit. "Das ist eine Freude, wenn das erste Lamm geboren wird. Es darf nicht
sterben, denn auf ihm liegt nach altem Schäferglauben das Glück der ganzen Herde."
sagte Bernhard mal. Die Lämmerzeit in den Monaten März und April war die schwerste Zeit
im Laufe des Jahres. Das Moor taute auf, war nass und sumpfig und das Futter war knapp.
Und doch mussten die Schnuckenmütter es gut haben, um die Lämmer nähren zu können.
Gebar eine Schnuckenmutter Zwillinge, musste ein Lamm getötet werden, denn das Muttertier
hätte zu sehr gelitten. Zum Glück war das eine Seltenheit.
Die Lämmer wurden meistens am Tage während der Austreibung geboren. Da
die Kleinen aber noch zu schwach waren, um den weiten Weg mitmarschieren zu können, war
es die Arbeit des Schäfers, die Lämmer zu tragen. Er band sich ein Tau um die Hüften
unter seinen Mantel und verstaute die Lämmer dahinter. Es kam vor, dass er bis zu 6
Lämmer unter seinem Mantel trug. Die Mütter liefen immerfort blökend neben ihm her.
Kamen die Tiere abends beim Stall an, gab es ein Gerenne und Geblöke,
so dass der Schäfer und sein Hund es schwer hatten, die Gewalt über die Tiere nicht zu
verlieren. Die Mütter suchten ihre Kinder und die Kinder ihre Mütter. Es war
erstaunlich, wie schnell es dann wieder still war, wenn alle die Ihren gefunden hatten.
Der Schäfer überschaute die Herde noch ein Mal und verließ dann beruhigt den Stall.
Am nächsten Morgen begann die Arbeit von neuem. Zuerst schaute er nach,
ob noch Lämmer geboren waren. Dann wurden die großen Schafe hinausgetrieben, aber die
kleinen mussten im Stall bleiben. Beim Abschiednehmen gab es dann wieder ein furchtbares
Gebrüll.
Wenn die Lämmer dann etwas älter waren, wurden Sträucher in den Stall
gesteckt, damit sie sich satt fressen konnten. Lämmer im Alter von 5-6 Wochen konnten mit
hinaus getrieben werden, aber die Weidestrecke wurde gekürzt. Im Mai waren alle
Wintersorgen vergessen. An Futter war kein Mangel. Dann kam der Monat Juni und mit ihm
wieder eine neue Arbeit: die Schurzeit. Am Vortag wurden die Schafe zur "Ehe"
getrieben. Dort schwammen die Tiere zwei Mal etwa 15 Meter hin und zurück. Dann war der
Pelz vom groben Schmutz befreit.
Am anderen Morgen begann man in aller Frühe mit der Schafschur. Je nach
Größe der Herde richtete sich die Zahl der Männer, die bei dieser Arbeit beschäftigt
waren. Fünf oder sechs Männer aus Schwerinsdorf, die ihr Werk verstanden, halfen beim
Scheren. Die Schafe wurden gespannt, mit dem Rücken auf die Bank gelegt und dann begann
der Scherer die nicht leichte Arbeit zu verrichten.
Ein tüchtiger Scherer konnte an einem Tag bis zu 60 Heidschnucken
scheren. Dies war auch ein großer Tag für die Kinder. Sie wälzten sich und tobten in
der Wolle. Aber nicht nur die Jugend hatte an diesem Tag Grund zur Freude, sondern auch
die ältere Generation. Es gab ein Festessen, wie man es sonst im ganzen Jahr nicht bekam.
Morgens gab es "Pankooken" und mittags Hammelbraten. Um 17.00 Uhr war man
meistens mit der anstrengenden Arbeit fertig.
Die Wolle ein Schaf lieferte im Durchschnitt 3 Pfund wurde
in riesige Säcke gefüllt und dann an einen Händler verkauft. Für ein Pfund Wolle bekam
man etwa 30 Pfennige. Im Sommer war die Wolle gut. Im September wurden die Schafe ein
zweites Mal geschoren. Diese Wolle war kürzer und auch die Menge war geringer als im
Juni. Die Schafschur war immer eine gute Zeit des Jahres. In dieser Zeit wurde das meiste
Geld eingenommen.
Aber der Sommer hatte auch seine gefährlichen Seiten. Eine Gefahr war
der Kreuzotter. Manchmal bemerkte der Hirte gar nicht, wenn ein Tier von einem Otter
gebissen worden war. Dann war es am nächsten Tag tot. Aber nicht nur den Tieren, sondern
auch dem Schäfer drohte diese Gefahr.
So wurde auch Bernhard von einem Kreuzotter ins Bein gebissen. Er
schnitt mit einem Taschenmesser die Wunde auf, damit das Blut floss. Ein Schäfer musste
sein eigener Arzt sein. Auch bei Seuchen wurde kein Tierarzt zur Hilfe gerufen. Ein Mal in
den 30 Jahren seines Hirtenlebens erkrankte ihm die ganze Herde an der Räude. Alle Tiere
mussten zwei Mal in Schwefelwasser gebadet werden, eine furchtbare Arbeit. Eine weitere
Gefahr drohte durch die Lungenkrankheit, die meistens tödlich verlief.
Eine weitere Gefahr war das Gewitter. Auch hiermit hatte Bernhard ein
Erlebnis. Als er ein Mal etwa 20 Meter hinter seiner Herde herstapfte, schlug mitten
zwischen die schwer verängstigten Tiere ein Blitz ein, so dass die Tiere auseinander
liefen. Es gehörte viel Geduld dazu, die Herde wieder zusammen zu kriegen. Auch bei
Donnerschlag lief die Herde auseinander. Da hatte dann auch sein Hund angst und kroch bei
seinem Herrn unter den Mantel. Nun stand der Hirte allein auf dem weiten Moor. Oft faltete
er seine Hände und bat zu Gott um Hilfe.
Es konnte passieren, dass er abends voller Sorgen ohne die vollständige
Herde nach Hause gehen musste. Wenn er am nächsten Morgen wieder zum Stall kam, standen
fast immer die am Abend vorher verloren gegangenen Schafe vor der Stalltür. Dann waren
die Sorgen wieder vergessen. Aber es hatte nicht immer ein so gutes Ende. Verschiedentlich
fand er am nächsten Tag einige tote Tiere, die im Graben ertrunken oder von einem Blitz
getroffen worden waren.
Im Oktober wurden die Schafe verkauft. Die Schafhändler kamen vom
Münsterland nach Ostfriesland. In Ostfriesland waren 7 Stellen, wo sie Schafe kauften.
Sie fingen in Aurich an und Großsander war die letzte Station. Solch eine Tour dauerte
meistens 14 Tage. Nachdem die Händler alle Schafe aufgekauft hatten, trieben sie sie in
einer großen Herde zum Münsterland. Manchmal bestellten sie den Schäfer mit seinen
Schafen an einen Ort, um dort den Verkauf vorzunehmen. Dann ging Schäfer Bernhard mit
seinen 300 500 Schafen über Hollen nach Stickhausen oder Potshausen. Der Verkauf
fand auf den Brücken der genannten Orte statt, denn dort ließen sich die Tiere am besten
zählen. Sie kosteten damals 8 10 DM je Schaf. Ihr Gewicht betrug 40 50
Pfund.
Im Herbst ging es dann ans Düngerfahren. Die Schafkaten waren nur mit
Sand ausgestreut und so konnte man den Dünger mit dem Spaten ausstechen. Diese Arbeit
wurde zwei Mal im Jahr verrichtet.

Im 1. Weltkrieg musste Bernhard Soldat werden. Nun war es auch mit der
Schafzucht aus. Aber als 1918 der Krieg endete, fing er noch ein Mal wieder an. Sein Herz
hing an den Schnucken. Ohne sie konnte er nicht leben. Tag für Tag zog er mit ihnen
hinaus auf das wilde Moor, das bedeutend kleiner geworden war. Das unabsehbare
Südgeorgsfehner Hochmoor wurde in den 30er Jahren vom Landkreis Leer zum größten Teil
kultiviert und aufgeteilt. Das Rad der Zeit war nicht aufzuhalten, seine Zeit und die
seiner Schafe war abgelaufen. Bernhard war der einzige Schäfer in Ostfriesland, der einen
Meisterbrief als Scheepker erhalten hat. 1950 konnte er sein fünfzigstes
Scheepker-Jubiläum feiern. Doch Bernhard wurde älter und am 15. April 1957 hat ihn der
Herr über Leben und Tod aus der Zeitlichkeit in die Ewigkeit abgerufen. Er war ein guter
Schäfer gewesen. Sogar das "Erste Gebot" hatte er erfüllt: Gegen Ende des 2.
Weltkrieges weidete er seine Schafe auf dem Moor. Die Panzer- und Gewehrkugeln schossen
über ihn und seine Herde hinweg. Aber ihn störte das nicht.